Von Mustern und Maßlosigkeit. Warum Dicksein politisch ist.

von Lena Zimmermann

„Ich war ein dickes Kind, heute bin ich eine dicke Frau.“ So beginnt Magda Albrecht ihre Selbstvorstellung bei der Podiumsdiskussion „Fatness und Fitness“ im Rahmen des Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte 2013. Sie ist eine Berliner Bloggerin und Aktivistin gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung von Dicken und Fetten in der Gesellschaft. Begriffe wie „dick“ und „fett“ sind beabsichtigte Selbstbezeichnungen, die abstrakter betrachtet ein politisches Ausmaß annehmen: Sie verdeutlichen auf absurde Art und Weise, welche Assoziationen die Einteilung von Körpern in „schlank“, „dick“ oder „fett“ hervorrufen und welche sozialen Realitäten sich daraus ergeben. Magda Albrecht kritisiert eine Gesellschaft, die bei Kindern mit Appetit entsetzt den Zeigefinger hebt und droht: „Bald passt du nicht mehr in deine Kleider! Willst du das?“ Es geht um (Schlankheits-) Normen, die nicht hinterfragt, stattdessen verbissen gelebt werden. Die Folge daraus sei keine Gesellschaft wunderschöner, schlanker Körper, sondern eine Ansammlung oberflächlicher Subjekte, die sich ohne Sinn und Verstand das Recht auf körperliche Selbstbestimmung entzöge.

Es ist fast ein bisschen unheimlich: Stimmt, wer sagt eigentlich, wie breit die Sitze im Flugzeug sein sollen? Und wer bestimmt überhaupt, dass Größe 44/46 schon XL ist? Und woher wissen die aus der Lebensmittelindustrie überhaupt, wie viele Personen von dem Inhalt satt werden? Es hat ja nicht jeder gleichviel Appetit. Ich denke darüber nach, in welchem Stadium der „Ich-unterwerfe-mich-bedingungslos-der-Schlankheitsheitsnorm“-Krankheit ich mich bereits befinde. Die zahlreichen Fitnessstudio-Besuche, die verzweifelten Anläufe, den Süßkram wegzulassen, der Gedanke „Muss das denn sein?“, wenn Herr und Frau Dick an der Supermarkt-Kasse stehen und ausschließlich Tiefkühlpizzen auf dem Band liegen. Tja, von nichts kommt nichts. Ich glaube, ich befinde mich im Endstadium und komme mir jetzt schon vor, als wäre Hopfen und Malz verloren.

Magda Albrecht nutzt Begriffe wie Fat Shaming und Fat Empowerment. Wie steht es aktuell um den Diskurs der Fat Acceptance in Deutschland? Das Thema umfasst auch den sozialen Status und die Integration von Dicken. Eva Barlösius, Ernährungssoziologin und ebenfalls Diskussionsteilnehmerin, fürchtet eine immer stärkere gesellschaftliche Ausgrenzung dicker Menschen. Sie spricht von der Gefahr, dass sich schon kleine Kinder, die sich als dick verstünden, dies oftmals als Grund für ihren sozialen Status begriffen. Für den einzelnen Menschen gehe es nicht mehr um das eigene Körperbefinden, sondern darum, von anderen signalisiert zu bekommen, dass dieser Körper nicht der Norm entspräche. Wie Magda Albrecht fragt auch die Soziologin: Wer hat das Recht, zu bestimmen? Wer sagt, was Übergewicht ist und was „normal“? Es herrsche ein Machtungleichgewicht zwischen dicken und dünnen Menschen, das von einer Schuldfrage dominiert würde. „Dicksein“ liege im Bereich der Eigenverantwortung: Wer dick ist, sei selbst schuld. Damit entlaste sich die Gesellschaft automatisch. Wie praktisch.

Dass Schlanksein ein Abgrenzungsmerkmal für soziale Schichten ist, ist kein neues Phänomen: Seit der Entwicklung eines neuen Körperbewusstseins und der Veränderung des Schönheitsideals  Ende des 19. Jahrhunderts, gilt der schlanke Körper als erstrebenswertes Ziel. Er ist nicht nur Zeichen von Gesundheit und Aktivität, sondern er zeugt auch von Überlegenheit, Disziplin und psychischer Stärke. Ein schlanker Körper als Beleg für sozialen Erfolg – diese bedenkliche Verbindung stellt auch Eva Barlösius in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts fest.

Es gibt zahlreiche Stimmen, die sich wie Magda Albrecht für Fat Empowerment und gegen Körpernormierungen und Diäten einsetzen. Eine von ihnen ist auch Virgie Tovar. Sie ist US-amerikanerische fat rights-Aktivistin und Initiatorin der fat positivity Kampagne „Lose hate, not weight“. Ihr geht es darum, über ein gesundes Körperbewusstsein Hass und Negativität abzubauen. Mehr fröhlich, weniger depressiv. Das könnten sich einige vornehmen, nicht nur die, die für Akzeptanz ihres Körpers werben.

Nach der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ansichten rund um die Politisierung von dicken Körpern, komme ich mir fast naiv vor. Ich habe noch nie hinterfragt, welche gesellschaftliche Vorgabe mich eigentlich jeden dritten Tag ins Fitnessstudio bewegt und welche Bösartigkeit hinter meinen Tiefkühlpizzen-Gedanken steckt. Denke ich nur in Mustern, die mir von Lebensmittel-, Werbe- oder Schlankheitsindustrie, von Politik, Gesundheitswesen oder Celebrities vorgegeben werden? Für so stumpfsinnig und fremdgesteuert würde ich mich gar nicht halten. Ich verstehe Magda Albrechts Argumente,  würde jedes unterschreiben. Ich finde die Abercrombie&Fitch-Philosophie, die das Dünnsein im Unternehmensleitbild verankert hat, auch bedenklich. Ich finde die XL-Woche bei Shopping Queen überflüssig und diskriminierend. Jeder sollte zwanglos essen können, was und wie viel er will. Ich finde auch, dass körperliche Selbstbestimmung so normal sein sollte wie Fingernägellackieren. Ich finde es gut, dass es Menschen wie Magda Albrecht, Eva Barlösius oder Virgie Tovar gibt, die eine Gesellschaft für dieses Thema sensibilisieren. Aber darf man dann nicht trotzdem denken „von nichts kommt nichts“? Es ist halt nun mal meistens so.

Ach oder ist genau dieses „meistens“ das Problem?!

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Podiumsdiskussion Fatness und Fitness

17. November 2013 in der Musikschule Ottmar Gerster, Weimar

Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte

Teilnehmer_innen: Magda Albrecht (Berlin), Prof. Dr. Eva Barlösius (Hannover), Prof. Dr. Jürgen Martschukat (Erfurt), Dipl. oec.-troph. Dorit Roeper (Hamburg)

Moderation: Nora Kreuzenbeck, M.A., Nina Mackert, M.A. (beide Erfurt)

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